Inklusive Räume oder „Territorien der Anderen“

Teresa Hauck und Henrik Trescher

Abstract:

Raum wird in Aushandlungsdiskursen konstituiert (Löw 2001, S. 224ff; Nugel 2017, S. 273) und ist somit der Ordnung des Diskurses unterworfen, anhand der über Praxen des Ein- und Ausschlusses bestimmt wird, wer wie am Diskurs teilhat und wer nicht (Foucault 2003). Personen, die als ‚behindert‘ bezeichnet werden, können sich Raum mitunter nur als ‚Territorium der Anderen‘ (Trescher/Hauck 2017) aneignen, wodurch sie oftmals an Teilhabebarrieren stoßen. Dies wiederum führt dazu, dass diese Personen als ‚behindert‘ subjektiviert werden. Ausgehend von dieser relationalen Verschränkung von Raum und Inklusion kann argumentiert werden, dass Teilhabe nicht auf das Bereitstellen von Zugängen beschränkt bleiben kann (beispielsweise im Sinne dessen, was häufig ‚Barrierefreiheit‘ genannt wird), sondern dass Personen als handlungsmächtig subjektiviert werden sollen, sich Raum als subjektiv bedeutsamen Handlungsraum anzueignen. Dieses relationale Verhältnis von Raum und Inklusion wird im Beitrag theoretisch entfaltet und es werden Fallbeispiele herangezogen und diskutiert (unter anderem aus den Bereichen Mobilität, Arbeit und Freizeit), die aus der Begleitforschung des Projekts „Kommune Inklusiv“ (Aktion Mensch e.V.) generiert wurden. Im Rahmen dieser Studie werden fünf Sozialräume in Deutschland anhand eines Mixed-Method-Designs daraufhin untersucht, wie sie sich über einen Zeitraum von fünf Jahren und mit Unterstützung durch sogenannte Inklusionsmaßnahmen verändern.

Literatur:

Foucault, Michel (2003): Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt am Main: Fischer.

Löw, Martina (2001): Raumsoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Nugel, Martin (2017): Die Erziehungswissenschaft als Raumwissenschaft. Herausforderungen durch den spatial turn. In: Christiane Thompson, Rita Casale und Norbert Ricken (Hg.): Die Sache(n) der Bildung. Paderborn: Ferdinand Schöningh, S. 263-278.


Leben in abgeschlossenen Räumen? Geschichte und Gegenwart institutioneller Versorgung

Angela Wegscheider

Abstract:

Der vorgeschlagene Vortrag soll die Entwicklung der institutionellen Versorgung am Beispiel des Bundeslandes Oberösterreich nachzeichnen. Die Lebenssituation der von Anstaltsunterbringung betroffenen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen wird am Beispiel der Unterbringung in katholischen Einrichtungen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute herausgearbeitet. Es wird der Frage nachgegangen, inwieweit diese Räume durchlässig bzw. abgeschlossen waren und ob sie die betreuten Menschen befähigten, ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeiten auch entfalten zu können. Im Sinne der Disability History wird ein kritischer Umgang mit Quellen und deren diskursiver Dekonstruktion sowie die Analyse der historischen Deutungen wie auch der im Hintergrund laufenden Mechanismen der (Fremd-)Zuordnung zur Kategorie Behinderung angestrebt. Dargelegt wird aus diesem Blickwinkel die Struktur der Organisation, Finanzierung, Betreuung, Pädagogik und des Alltagslebens. Beachtung findet in der Analyse auch der Einfluss rechtlicher und sozialer Strukturen und Entwicklungen auf die Akteur_innen. Ebenso wird herausgearbeitet, ob die vorgefundenen sozialen Räume, die in einer naiven Vorstellung als Schutzraum gedacht waren, Gewalt und Missbrauch förderten bzw. derartigen Vorfällen nichts oder wenig entgegensetzen konnten.

Den Hintergrund des Vortrages bildet die Anknüpfung an traditionelle Ansprüche und Basisprozesse der Moderne: Es geht den Akteur_innen um Frömmigkeit, Sparen und Aufbau, Macht, Herrschaft, Säkularisierung, Professionalisierung, Bürokratisierung, Rationalisierung und nicht zuletzt um Ökonomisierung sozialer Arbeit. Der Beitrag analysiert Gründungs- und Betreuungsmythen und zeigt, wie Fremdbestimmung in abgeschlossenen Räumen als auch Freiräume, Durchlässigkeit und soziale Kontakte möglich waren. Ganz sicher wird jedoch die Vorstellung der glücklichen „Heimfamilie“ dekonstruiert. Bis in die 1990er Jahre wurde das Anstaltsleben von der christlichen Motivation der Betreuenden, der Simulation einer „Heimfamilie“, vom vorherrschenden Zeitgeist und einem unprofessionellen Zugang zu Erziehung und Beschäftigung, von medizinischen Allmachtsvorstellungen wie auch von der über lange Zeit festzustellenden Vernachlässigung des Bereichs von Seiten des Staates geprägt.


Peer Arbeit und Peer Beratung: Kooperationsräume schaffen

Andrea Pilgerstorfer

Abstract:

Partizipative Kooperationsräume, sind innovativ und haben gleichzeitig vor allem im angloamerikanischen Gesundheitswesen längere Tradition (vgl. Rose et al 2009: 389 – 390). Peer Arbeit in Österreich steckt hingegen noch eher in den Kinderschuhen. Aber, es gibt sie!

Beteiligungsprozesse bzw. Partizipation ermöglicht das Aneignen von Räumen und findet auf unterschiedlichen Ebenen statt. Auf der Mikroebene findet Beteiligung in der direkten Interaktion bei Entscheidungsprozessen statt. Die Mesoebene partizipativ gedacht, bedeutet Qualitätssicherung und Evaluation der Leistungen methodisch unter der Beteiligung aller Akteurinnen und Akteure durchzuführen, ein Beispiel dafür ist die „Empowerment Evaluation“ (Theunissen 2009:394). Schulungen der Mitarbeiter*innen durch Erfahrungsexpertinnen  und Peer Mitarbeiter*innen oder die Möglichkeit der Mitgestaltung an Ausbildungsprozessen von Fachexpertinnen und –experten sind  weitere Beispiele für Raumaneignung auf dieser Ebene. In der Makroebene reicht der Kooperationsraum von einer Einbeziehung der Nutzer*innen- und Zielgruppen sozialer Institutionen in Innovationsprozesse und Entwicklung bis hin zu politischer Partizipation auf Ebene der Entscheidungsträger*innen in der Politik. Modelle der Peer Arbeit sind Cross Over Phänomene, sie kreuzen die Ebenen.

Deutlich wird, dass Partizipationsräume auf allen Ebenen Empowermentprozesse in Gang setzen, im übertragenen Sinne genauso wie territorial gedacht. Räume können Anlass für Empowerment und Selbstbestimmung sein, jedoch auch einschränken, ausschließen und verhindern. Das wird deutlich, wenn es um Standardisierungen und Qualitätskontrollen geht. Hier kommen Kräfte ins Spiel, die immer auch neue Behinderungen innerhalb der Gesellschaft schaffen. Daher ist es wichtig Kooperationsräume für Modelle der Peer Arbeit zu schaffen. Diese Räume lassen sich methodisch unterstützen, sie können im übertragenen Sinn mit Hilfe spezieller Techniken konstruiert werden. Zu den Techniken zählen strukturierte Kommunikation und Managementmethoden genauso wie gezielte Information und die Ausgestaltung der strukturellen Rahmenbedingungen innerhalb der Institutionen.

Literatur:

Rose Diana, Fleischmann Peter, Schofield Peter (2009) Perceptions of User Involvement: a User-Led Study. International Journal of Social Psychiatry 2010 56:389. Sage Publications DOI: 10.1177/0020764009106618 am 27.07.2011.

Theunissen Georg (2009): Empowerment Evaluation In: Theunissen Georg & Wüllenweber Ernst (Hg.): Zwischen Tradition und Innovation. Methoden und Handlungskonzepte in der Heilpädagogik und Behindertenhilfe. Ein Lehrbuch und Kompendium für die Arbeit mit geistig behinderten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Marburg: Lebenshilfe-Verlag S 393-399.


Bestandsaufnahme der politischen Raumnahme in der Kontaktimprovisation/im inklusiven Tanz

Elisabeth Magdlener

Abstract:

 „Um politisch Räume einzufordern braucht es [zum einen] einen kollektiven Erfolg und [zum anderen] einen (politischen) Diskurs der Thematik (…).“ 

„Die politische Raumnahme von DisAbility im Tanz erfolgte durch die Inszenierung politisch reflektierter Stücke rund um die Thematik von Behinderung und gleichzeitig durch kontinuierliche politische Raumeinforderung.

Die Idee des Crip ist nun eine ganz entscheidende in der gegenwärtigen (Tanz-) Konjunktur. Sie verleiht der Forderung nach dem Einbezug behinderter* Körper in den Tanz politische Brisanz.

Dieser Beitrag bringt crip-, dis_ability- und tanztheoretische Ansätze mit Praxis zusammen. Er bezieht Theorien zu DisAbility, Crip Theory und Performativer Inklusionsrhetorik in einer Weiterentwicklung erstmalig auf Tanz; beschäftigt sich einerseits mit kulturellen und gesellschaftlichen Zuschreibungen an Behinderung und Nicht-Behinderung die der Kontakttanz DanceAbility und der inklusive Tanz im Allgemeinen in sich bergen. Andererseits geht er der Frage nach, wie der (behinderte*) Körper im Tanz verhandelt wird. Der Beitrag untersucht weiters die Frage, was der gleichberechtigten Teilhabe professioneller Tänzer innen mit DisAbility in der inklusiv sein wollenden Tanzform Kontaktimprovisation und im inklusivem Tanz de facto im Wege steht bzw. ihre politische Raumnahme erschwert. Welche sichtbaren und unsichtbaren Hindernisse verhindern Inklusion beispielsweise in den darstellenden Künsten? Um dies zu erforschen werden die Machtverhältnisse beleuchtet, die hinter der allgemeinen politischen Forderung und dem Ziel eines Rechts auf Inklusion und gleiche Teilhabe aller Tanzschaffenden, unabhängig von Behinderung*, Geschlecht oder Herkunft u.v.m. stehen. 

Unter einer kulturwissenschaftlichen Perspektive auf Behinderung setzt sich dieser Fachbeitrag gesellschaftsanalytisch mit diesen Macht-, Normierungsstrukturen und Gewaltverhältnissen auseinander, die in unserem normierenden Gesellschaftssystem und insbesondere in der Tanzwelt verankert sind. Es wird skizziert wie diese einer gleichberechtigten Teilhabe und Raumnahme im Wege stehen.

Gestützt durch Expert_inneninterviews wird erörtert, welches „Wissen“ über „DisAbility“ im Tanz produziert wird, welche Normierungs- und Normalisierungsprozesse dieser Diskurs in sich trägt und welche identitätspolitische Ein- und Ausschlüsse das Bestreben nach Inklusion von Tänzer_innen mit DisAbility in den (Kontakt)Tanz hervorbringt. Dabei werden die Spannungsfelder von Körper, Normierung im Tanz und der Anforderung einer „Zugänglichkeit für alle“ aufgezeigt und gesellschaftsanalytisch beleuchtet. Aus einer crip-theoretischen Perspektive auf Diversität und Inklusion im Feld von Tanz und Performance werden unterschiedliche handlungsleitende Thematiken der Umsetzung und der Handlungsfelder von Teilhabe im Gegensatz zu Raumnahme analysiert. 

Es wird erörtert wie innerhalb des Diskurses zu „inklusivem“ Tanz und Kontakttanz vor dem Hintergrund (kapitalistisch-)produktiver, sozialer Relationen unterschiedliche unterdrückende Machtverhältnisse und normative Repräsentationen (re)produziert werden. Bleibt allen Inklusionsbestrebungen zum Trotz Nicht-Behinderung im Tanz als wirkungsmächtige Norm aufrecht? Dabei wird aufgezeigt inwieweit „inklusiver“ Tanz wie auch (Kontakt)Tanz von einem institutionalisierten Ableismus geprägt sind, welcher ein notwendiges Scheitern des Versprechens einer alternativen Tanzwelt in sich trägt, das im Diskurs zu „Inklusivem“ Tanz, Kontakttanz und DanceAbility hergestellt wird.   Unter einem Blick auf ableistische, Personen mit Behinderung diskriminierende, Gesellschaftsstrukturen, wird der in der Praxis oftmalig umgesetzte (An-)Schein von Inklusion problematisiert und das Konzept der Teilhabe auf ihre nicht-performative Rhetorik befragt. Braucht es für ihre Umsetzung eine radikalere Raumnahme?


Die Bedeutung des existenziellen Lernens – Ein Beitrag für die Partizipation an einem erfüllten existenziellen Lebensraum

Manfred Sonnleitner

Abstract:

Eltern erleben die Geburt eines Kindes mit Behinderung, oder das was ich selbst erleben musste, die Erblindung mit 23 Jahren, als schweren Schicksalsschlag. Eine solche Nachricht bedeutet zumeist eine Beschneidung der Träume, eine Zensur der Vorstellungen, eine Erschütterung des Gewohnten. Alles was im Leben selbstverständlich war, wird in Frage gestellt. Die Kontinuität des Erlebens und Handelns wird unterbrochen und ein durch Normen geordnetes und an ihnen orientiertes Leben, wird zerstört. Solche einschneidenden Erfahrungen führen zu einem Nach- und Umdenken, sie zwingen den Menschen geradezu neue Lebensentwürfe zu gestalten, um in der noch ungewohnten Situation leben zu lernen.

Vor diesem Hintergrund werden aus phänomenologischer Perspektive jene existenziellen Bedingungen konkretisiert, die Voraussetzungen für die Partizipation an einem erfüllten existenziellen Lebensraum darstellen. Es sind Bereiche des Lernens, die eigene Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zum Gegenstand der Reflexion machen und für die Teilhabe an dem subjektiven Wirkungskreis von Relevanz sind. So wird u. a. in der Partizipationsforschung davon ausgegangen, dass die reflexive Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenslage sowie die Stärkung der subjektiven Sichtweisen eine Voraussetzung für das Interesse sich zu engagieren und zu beteiligen darstellt (vgl. Leissenberger 2016, S. 219ff). In Ergänzung dazu, werde ich Anhand meines eigenen Erblindungsprozesses, meine persönlichen Erfahrungen zu den phänomenologischen Bedingungen der Existenz Schildern und die Notwendigkeit der Selbstreflexion für die Partizipation an dem subjektiven Lebensraum erläutern. Dieser Prozess bildet sich in den sogenannten Grundbedingungen der Existenz ab, die nach dramatischen Erfahrungen aus der Verankerung gerissen sind: das Grundvertrauen, der Wert des Lebens, der Wert des Personseins, der Sinn des Ganzen. Und schließlich werden resümierend, die bedeutendsten Erfahrungen und Erkenntnisse für den Umgang mit traumatischen Erfahrungen skizziert und wie es für betroffene Menschen dennoch möglich wird, an einem erfüllten existenziellen Lebensraum zu partizipieren.

Die dahingehende Auswahl der theoretischen und empirischen Befunde erfolgt auf Basis von klärungs-, ressourcen- und bewältigungsperspektivischen Analysen. Vor allem werden phänomenologische Forschungserkenntnisse sowie die vier existenziellen Grundmotivationen des Menschen dafür herangezogen. Sie entstanden in Fortführung des Franklschen Konzepts, des „Willens zum Sinn“ und bilden für die reflexive Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenslage sowie der Partizipation an einem erfüllten existenziellen Lebensraum den zentralen Begründungsrahmen.

Exemplarische Literaturauswahl:

Längle, Alfried/Holzkey-Kunz, A. (2008): Existenzanalyse und Daseinsanalyse. Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels AG.

Leissenberger, Franziska/Wrentschur, Michael (2016): Von der reflexiven Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenslage bis zur politischen Beteiligung – Die Gestaltung partizipativer Prozesse in der Sozialen Arbeit am Beispiel des Projekts „Stopp: Jetzt reden wir! „. In: Heimgartner, Arno/Lauermann, Karin/Sting, Stephan (Hrsg.): Fachliche Orientierungen und Realisierungsmöglichkeiten in der Sozialen Arbeit. Wien : LIT. S. 213-230.


Ortseffekte

Volker Schönwiese

Abstract:

Die Beschränkung des Lebens von Menschen mit Behinderungen über strukturelle Zuweisungspraktiken auf bestimmte soziale Räume hat schwerwiegende Folgen, die Behinderung konstituieren. Pierre Bourdieu beschreibt dies als „Ortseffekte“ (P. Bourdieu, Das Elend der Welt, 1997, 117ff.). Der Mangel an barrierefreier Wohn- und Umweltgestaltung muss z.B. als Teil derartiger Ordnungsstrategien gesehen werden. Sozialer Ausschluss, Zwang zu Mobilität bis Entwurzelung und Verlust von Teilhabe am allgemeinen Leben mit schwerwiegenden negativen psychischen und physischen Folgen sind Teil davon. Über Naturalisierungseffekte haben diese Zuweisungspraktiken allerdings alltäglich einen nicht hinterfragbaren Charakter von Natürlichkeit. Wahlfreiheit von akzeptablen Alternativen, wie sie die UN-BRK verlangt, ist soweit eingeschränkt, dass von struktureller Gewalt gesprochen werden muss. Naturalisierung und (strukturelle) Gewalt charakterisieren den Alltag von Menschen mit Behinderungen und die bis heute andauernde Geschichte der Institutionalisierung von Menschen mit Behinderungen. Es ist die Frage, wie weit die Disability Studies hier Orte kritischer Wissenschaft sind, die nicht nur die sozialen/ökonomischen, kulturellen und politischen Diskurse und Praktiken analysieren, sondern auch so etwas wie emanzipatorische Wirksamkeit haben.